Der kleine Philosophengarten

Der kleine Philosophengarten  Lernen mit dem Tablett
an exhibition . . . Lich 2012

ω

 Lernen und leben an Orten
die Forschungsstation sind wir selbst

die Messinstrumente können wir wählen
zur Erforschung des Universums braucht der eine 
ein Mikroskop, der andere eine Bibliothek
dem nächsten reicht Papier und Stift

 Im Durchgehen leiten uns in Bildern und Fotografien eingefangene Momente
aus einem grünen Garten, Geschichten aus dem Leben mancher Pflanzen
und dem Weben mancher Tage wehen herbei.
„Der kleine Philosophengarten“ greift einen aktuellen Trend auf
und verankert ihn in der Geschichte und den Anschauungen über das Lernen.
Die Ursprungsidee entstand aus der modernen Entwicklung des Tablet-Computers,
der in den letzten Jahren einen Siegeszug begonnen hat.

 Die Nützlichkeit dieser tragbaren Wissensmaschine ist unbestritten.
Robert Weiner nun kommt das Verdienst zu, an die Jahrhundertandauernde Vorgeschichte des Denkens mit dem Tablet zu erinnern und die Möglichkeiten
für eine Weiterentwicklung in der Zukunft offen zu halten.

Wir treffen auf ein Dutzend Objekte, die jedes auf seine Art Lernen symbolisieren
und durch die Präsentation auf einem Tablett in den Fokus gestellt werden.
Interesse, Wunsch und Aufmerksamkeit werden so in den Mittelpunkt gerückt,
denn immer noch sind dies die zentralen Werte beim Lernen,
und technische Möglichkeiten von Datenbanken,
Hypertextkombinationen und Medien aller Art bleiben was sie sind:
Mittel zum Zweck.

Es präsentieren sich uns vier vergessene Philosophen der Vergangenheit.
Diese kurze Vorstellung reicht die Erinnerung wach zu rufen: bereits jahrtausendelang
wurden  Wege des Lernens und der Wahrheitssuche gegangen –
die Verwendung des Lernens mit dem Tablett entwickelt sich von
einer collageartigen Spielerei zu einer hintergründigen Allegorie.

  

 

 

DIE VIER VERGESSENEN PHILOSOPHEN

Δ

Archiguotiles

Vergessen ist Archiguotiles, „der vom Anfang gut Denkende“, von dessen Äußerem nur sein schwarzer Turban, die großen Hände und seine ursprüngliche Herkunft aus dem Schusterhandwerk bekannt sind, zu unrecht. Wenn man die gesamten Informationen zusammenträgt und die wenigen Wachstafeln, die erhalten sind, übersetzt, tun sich Welten auf.

Archiguotiles ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein Mensch gewesen, der mit beiden Beinen und kräftigen Lederstiefeln im Leben gestanden hat. Er wird Tiere gehütet und Nachts Sterne befragt haben. Im Vergleich zu anderen Schulen seiner Zeit dominiert bei ihm die Konnotation des Intellekts.
Die räumliche Collage, die seine Wirbelsäule nachempfindet, aber auch sein ganzes Sein als intellektuelles Wesen, ist ein Zugang aus heutiger Sicht, mit Assoziationen zu den Entwicklungen im Lernen und in der Technik.
Archiguotiles benutzte bereits das Wissen um das Tablett. Nach gesicherter Rekonstruktion schrieb er in seinen Wachstafeln: „Wie denn der Ehrbare besitzt Kanne und Becher, so nutzt er das Tablett. Gewiss nutzt er es zuweilen, ohne es zu ehren, da er es vergaß. Zur Ehrbarkeit zurückkehren ist des Ehrbaren tägliches Geschäft.“
(Pflanze von Archiguotiles: kretische Sonnenblume)

Ξ

Hushu Nuur

Hushu Nuur lebt fort in manchen Sagen, doch es ist wenig bekannt über diesen Nomaden, der wohl viel wusste und an seine Stammesgenossen weitergab. Durch die turbulenten Zeiten war er ständig unterwegs. Sein Beiname bedeutet übersetzt: der Kämpfende.
Unter seiner Mütze steckte und herrschte vor allem Musik, deshalb sehen wir in seinem Kopf das Hören. Sein Gewand wird er nur zu Festen getragen haben, denn zumeist war er zu Pferde unterwegs und robuster gekleidet. Seine Trommel ist dabei stets in seinem Gepäck gewesen. Die Filzschuhe weisen ihn als Führer einer Jurte aus.
Hushu Nuur empfiehlt das Lernen mit dem Tablett:
„Brüder hört die Geschichten und Lieder, aus aller Ferne und von der Nähe des heutigen Feuers in unserer Jurte. Der Gast sei willkommen wie die alte Sitte es zeigt. Lasset uns Stutenmilchkäse begehren und den gestrichenen Saiten lauschen, wenn unser Großvater singt aus der alten Gurgel. Alles was auf dem Tablett gehört dem Gast wie dem Gastgeber, der außer uns ist und die Sterne, Winde und Lieder schafft. Alles was stattfindet ist wesentlich und nie endet die Zahl der Kombinationen.“
(Pflanze von Hushu Nuur: lieb-zartes Steppenflussgras)

Ξ

Mongdschi-Tschouna

Mongdschi – Tschouna (Mondenscheineule) wurde als Tochter eines Moqui-Medizinmanns und einer Macalero-Apache in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts geboren. Ihr Todesjahr 1838 scheint gesichert.
Damals war es für Frauen eine Selbstverständlichkeit, außergewöhnliche Fähigkeiten zu entwickeln und in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Aus ihren Hinterlassenschaften lässt sich schließen, dass sie eine umfangreiche Lehrtätigkeit unterhielt.
Drei der philosphischen Mandalas aus der Schule der Mongdschi-Tschouna sind in dieser Ausstellung zu sehen. Die Figur trägt die Original Medizinfrautasche aus der Mesa A bei sich. Mongdschi-Tschouna wurde in späteren Jahren die Liebende genannt. Ihr hier gezeigtes Stirnband der Liebe ist ebenfalls authentisch. Mongdschi-Tschouna verwendete geflochtene und bespannte Tafeln verschiedener Art und benutzte sie teils als Lehrmaterial, teils als Experimentierfeld und nannte ihre Bilder auch Schild oder Tablett.
In den geistigen Schulen der Blütezeit der Moqui-Ära gehört zum Lernen, etwas auf ein Tablett stellen zu können. Dadurch erfuhr der Suchende neu und immer mehr. „Es ist wie barfuß laufen, du weißt durch die Füße.“ Viele der Moqui-Schulen lehrten elementare Ansichten des Weltalls, mit einer zentralen Kreisdarstellung aller Welten. Die Darstellung des Dreiecks wurde, wie im hier gezeigten Beispiel, zu systematischen Modellen herangezogen. Über die Geschehnisse in Zyklen von verwandten Gegensätzen verwendete Mongdschi-Tschouna eine Tafel mit acht Ecken.
(Pflanze von Mongdschi-Tschouna: Maismutter)

Ξ

Ruth Weiner

 Ruth Weiner wird in Männerkleidung dargestellt, da ihre Zeit von mächtigen Männern bestimmt wurde und eingedenk der Ereignisse, als auch sie nur in Männerkleidung auf den entscheidenden Sitzungen erscheinen konnte, auf denen die Grundlagen der solidarischen Sozialversicherung gelegt wurden. Das Gedicht zeigt die träumerische Seite der Aktivistin. Das philosophische Potential dieser Person entfaltet sich, – wie so oft bei vergessenen Philosophen – wenn man sich mit intensiver mit ihr beschäftigt. Dann sieht man die Träumende, die mit jedem Augenblick ein Gedicht zu sehen scheint, wie sie noch im Alter mit dem Gehstock mehr als je ihr Mitgefühl walten lässt. Trauern ist bei diesem Lernen nicht ausgeblendet. Das zeigt schon der Staub auf den alten Schuhen. Ruth Weiner war in der städtischen Bildungsarbeit tätig. Sie führte neben ihrer Arbeit und der Familie einige Hefte mit Aufsätzen und Gedichten, die nie veröffentlicht wurden. Der Dichter Robert Weiner entdeckte Leben und Werk seiner Ururgroßmutter neu.

Ruth Weiner empfiehlt das Lernen mit dem Tablett:
In einem ihrer Notizbücher findet sich eine Passage, in der sie bemerkt: „Um zu einem Urteil in gleich welcher Angelegenheit zu kommen, so muss man doch die Sache auf ein Tablett erheben, um sie von allen Seiten anzuschauen. Dann gilt es doch nur noch zu schauen, denn mit dem Blick auf das Eine wird letztlich erst das Alles lebendig.“
(Pflanze von Ruth Weiner: Staude vom schwarzen Bahndamm)

Δ

Das sind sie, die vier vergessenen Philosophen, die 2012 in Lich zu besuchen sind.

Archiguotiles vergessener griechischer Philosoph 220 – 159 v. Chr.  aus Syrakus,
führte eine Schule mit Namen „Die Denkenden“ auf Kreta

Hushu Nuur  mongolischer Reiterführer und Philosoph im 12. Jh.  lebte und lehrte
entlang der Seidenstraße

Mongdschi – Tschouna (Mondenscheineule)
indianische Philosophin, Moqui / Macalero-Apache im 18./19. Jahrhundert

Ruth Weiner, 1839 bis 1909, Lehrerin und Dozentin in Wien, hinterließ spärliche Schriften. Jetzt von Urenkel Robert Weiner wiederentdeckt.

ψ
        

ψ

Das Tablet der Woche

– Tablet der poetischen Suppe  historisches Geschirr, Nudeln 

  ein Geschenk der Lerngruppe Englisch F

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.